Altersschätzung beim Rothirsch: Alt vor Jung – vom Abwurf bis zum Verfegen
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„Alt vor Jung“ – kennt jeder. Aber kann man sich darauf verlassen?
Alte Hirsche werfen früher ab und verfegen früher als junge. Diese Faustregel kennt wohl fast jeder Rotwildjäger. Doch wie viel Aussagekraft hat sie tatsächlich, wenn es darum geht, einen Rothirsch im Alter richtig anzusprechen?
Kann ein sehr früher Abwurf tatsächlich ein Hinweis auf einen alten Hirsch sein? Wie wichtig ist der Zeitpunkt des Verfegens? Und wird die Aussage deutlich belastbarer, wenn wir nicht nur einen dieser Zeitpunkte kennen, sondern denselben Hirsch über mehrere Monate hinweg dokumentieren können?
Genau dieser Frage gehen wir in diesem Beitrag nach – nicht nur anhand der bekannten jagdlichen Grundsätze, sondern anhand eines konkreten Rothirsches, dessen Entwicklung wir vom Abwurf über die Bastzeit bis zum Verfegen dokumentieren konnten.
Früh abgeworfen – ein erstes Indiz?
Am 12. Februar 2026 konnten wir diesen Hirsch erstmals frisch abgeworfen dokumentieren. Damit befand er sich bereits sehr früh im jährlichen Zyklus des Geweihwechsels.
Genau hier wird die Faustregel „Alt vor Jung“ interessant. Der Oberösterreichische Landesjagdverband nennt Februar und März als typische Zeit des Geweihabwurfs beim Rothirsch und weist ausdrücklich darauf hin, dass ältere Hirsche früher abwerfen als junge. Auch andere jagdfachliche Quellen ordnen den Beginn des Geweihabwurfs in diesen Zeitraum ein.
Ein bereits am 12. Februar dokumentierter Abwurf ist damit ein interessanter erster Hinweis. Für eine konkrete Altersangabe reicht er jedoch keinesfalls aus. Entscheidend wird, ob sich im weiteren Jahresverlauf zusätzliche Merkmale und Zeitpunkte dokumentieren lassen, die in dieselbe Richtung weisen.
Während andere noch tragen, beginnt bereits der Neuaufbau
Nur neun Tage später, am 21. Februar 2026, wird der Unterschied besonders deutlich: Andere starke Hirsche tragen zu diesem Zeitpunkt noch ihr altes Geweih, während unser bereits am 12. Februar frisch abgeworfener Hirsch längst in den nächsten Geweihzyklus übergegangen ist.
An den Rosenstöcken ist bereits die beginnende Überhäutung mit Bast zu erkennen. Nach dem Abwurf setzt die Wundheilung ein und der Aufbau des neuen Geweihs beginnt. Während andere Hirsche also noch das Geweih des Vorjahres tragen, befindet sich dieser Hirsch bereits am Beginn seiner nächsten Geweihentwicklung.
Genau solche Vergleichsaufnahmen machen eine längerfristige Dokumentation für die Altersansprache interessant: Nicht nur der frühe Abwurf wird festgehalten – wir können gleichzeitig beobachten, dass andere starke Hirsche im selben Zeitraum noch nicht abgeworfen haben. Das ist weiterhin kein Beweis für ein bestimmtes Lebensalter, verstärkt aber den bereits am 12. Februar gewonnenen Hinweis.
Das Bastgeweih ist fast vollständig entwickelt
Vier Monate nach dem frühen Abwurf zeigt sich der Hirsch am 12. Juni noch im Bast. Das Geweih ist in seiner äußeren Form jedoch bereits weitgehend ausgebildet.
Der Aufbau eines neuen Rothirschgeweihs beginnt unmittelbar nach dem Abwurf und dauert ungefähr vier bis fünf Monate. Ist das Wachstum abgeschlossen, mineralisiert das Geweih weiter, die Versorgung des Bastes endet und schließlich beginnt das Verfegen.
Der frühe Abwurf und das bereits weit entwickelte Bastgeweih ließen uns deshalb vermuten: Noch etwa drei bis vier Wochen bis zum Verfegen. Aber würden wir damit tatsächlich recht behalten?
Vier Wochen später: frisch verfegt – sprechen wir jetzt von einem alten Hirsch?
Am 12. Juli 2026 folgt die nächste entscheidende Aufnahme: Der Hirsch ist frisch verfegt. Unsere Einschätzung vom 12. Juni hat sich damit bestätigt – ziemlich genau vier Wochen später ist der Bast verschwunden.
Damit wird die Faustregel „Alt vor Jung“ bei unserem Hirsch besonders interessant. Ältere Rothirsche werfen tendenziell früher ab und verfegen auch früher als jüngere. Unser Hirsch wurde bereits am 12. Februar frisch abgeworfen dokumentiert und steht am 12. Juli bereits frisch verfegt vor der Kamera.
Können wir jetzt bereits sagen, dass es sich um einen alten Hirsch handelt? Die dokumentierten Zeitpunkte sind jedenfalls deutliche Indizien dafür. Für die Festlegung eines konkreten Lebensalters reichen sie aber weiterhin nicht aus. Genau deshalb müssen im nächsten Schritt weitere Altersmerkmale in die Beurteilung einfließen.
Die Indizien sprechen für einen älteren Hirsch – aber reichen sie aus?
In unserem Fall weisen zwei klassische Merkmale deutlich in dieselbe Richtung: Der Hirsch wurde bereits am 12. Februar frisch abgeworfen dokumentiert und war am 12. Juli bereits frisch verfegt. Der Grundsatz „Alt vor Jung“ bestätigt sich damit in unserer Dokumentation sehr deutlich und liefert starke Indizien für einen älteren Hirsch.
Für eine verantwortungsvolle Altersansprache dürfen diese beiden Merkmale trotzdem nicht isoliert betrachtet werden. Auch Form und Zeichnung des Hauptes, Körperbau und Verhalten müssen in das Gesamtbild einfließen. Gerade das Verhalten eines Hirsches lässt sich häufig erst durch wiederholte persönliche Beobachtungen wirklich beurteilen.
Hochwertige Wildkamera-Aufnahmen können diese Beobachtungen jedoch sinnvoll ergänzen. Werden Kameras an geeigneten Plätzen eingesetzt, lassen sich über Wochen und Monate nicht nur einzelne Bilder, sondern ganze Entwicklungsphasen, Körpermerkmale und teilweise auch Verhaltensweisen dokumentieren. Je mehr belastbare Informationen über einen bekannten Hirsch vorliegen, desto geringer wird das Risiko, eine Entscheidung auf eine einzige Momentaufnahme zu stützen.
Minimale Störung. Maximale Dokumentation.
Gerade bei der langfristigen Beobachtung von Rotwild liegt ein entscheidender Vorteil von Wildkameras darin, dass wir Informationen gewinnen können, ohne ständig selbst im Einstand oder am Wechsel präsent sein zu müssen. Weniger Kontrollgänge bedeuten weniger menschliche Unruhe – während die Dokumentation trotzdem rund um die Uhr weiterläuft.
Für die Aufnahmen dieses Hirsches war kein aufwendiger Beobachtungsplatz notwendig: Eine sinnvoll platzierte Wildkamera an einer einfachen Salzlecke an einem regelmäßig genutzten Wechsel lieferte uns über Monate hinweg wiederkehrende Aufnahmen desselben Hirsches – vom frühen Abwurf über die Geweihentwicklung bis zum Verfegen.
Wie sind eure Erfahrungen?
Habt ihr selbst Erfahrungen mit frühem Abwerfen und Verfegen beim Rothirsch gemacht? Oder habt ihr Fragen, Anmerkungen oder eigene Beobachtungen zu diesem Beitrag? Dann schreibt mir gerne direkt.
Ich freue mich über den direkten Austausch mit anderen Jägerinnen und Jägern.
Mario Held · TRAILCAM.at